Veröffentlicht in Fotos, Gesellschaft, Kultur & Veranstaltungen, Politik

Der Kaiser muss weg! Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!


Am Montag waren Heidi und ich in Sachen Revolution unterwegs. Diese fand um 10:30 Uhr im hiesigen Bahnhofsgebäude statt.
Der Verein “Weimarer Republik e.V” hatte an insgesamt  47 Bahnhöfen in ganz Deutschland Flashmobs organisiert. Schauspieler und Komparsen trafen sich an für die Revolution im November 1918 bedeutsamen Orten.
Flashmob-Novemberrevolution (24)
Flashmob-Novemberrevolution (21)
Nichts ist mehr wie es einmal war. Die Bahnhofhalle gleicht einem Einkaufszentrum, die Uhren werden durch elektronische Impulse gesteuert, es riecht nicht mehr nach Öl und Ruß der Dampflokomotiven, elektronische Anzeigentafeln weisen auf Verspätungen hin, welche sich damals niemand hätte vorstellen können.
Ein Matrose von der “MS Thüringen”, der eine flammende Rede gegen Krieg und Obrigkeit hält, stört den gewöhnlichen Ablauf im Bahnhof kaum. Mancher Reisende hebt nur kurz den Blick in Richtung der Bank, auf die der Matrose gestiegen ist seine Botschaft zu verkünden, um sich bald wieder seinem Smartphone zu zuwenden. Man ist eher amüsiert ob dieses Spektakels.
Immerhin war diese Revolution das Ende des 1. Weltkrieges und der Beginn der “Weimarer Republik”. Bei der Wahl zur ersten Nationalversammlung erhielt die SPD 38 Prozent der Stimmen und wurde so die stärkste Kraft. Die SPD war eine der Parteien, die die Weimarer Republik maßgeblich mit trug. Heute ist diese Partei von einer tragenden Rolle weit entfernt.
Ich weiß nicht, ob sich einer der heutigen Sozialdemokraten in den Bahnhof verirrt hatte. Ich glaube eher nicht, denn man ist ja nicht nur von einer tragenden Rolle in der Gesellschaft weit entfernt.

Advertisements
Veröffentlicht in Familie, Fotos, Gesellschaft, Wandern

Mordsteine und Sühnekreuze


Die weiße Frau von Tonndorf lebte einst mit ihrem ritterlichen, stolzen Gemahl, einem Grafen von Orlamünde, auf der Burg.
Tonndorf0105 (16)
(SchlossTonndorf bei Bad Berka)
Kinder waren ihr versagt geblieben. Der Graf, ihr Gatte  beteiligte sich an einem Kreuzzuge, um am heiligen Grabe Gottes um einen Stammhalter anzuflehen. Unversehrt kehrte er nach langer Zeit in die Heimat zurück.  Er machte bei seiner Heimkehr, nur von einem Knappen bekleidet, einen Umweg über das von seiner Gemahlin gegründete Kloster Muncheszella, (München an der Ilm) um dem Prior Reliquien zu übergeben, welcher er aus dem heiligen Lande mitgebracht hatte.
Nach seinem Gebet in der dortigen Kapelle , wo er dem Herrgott  für seine glückliche Rückkehr gedankt hatte, ritt er in Richtung Tonndorf. Von den Zinnen winkte ihm glücksstrahlend mit einem langen weißen Schleier seine Gemahlin  zu.
In der Nähe des  Dorfes erschien plötzlich eine feindliche Schar aus einem Hinterhalt. Bevor Hilfe von der Burg heran kam, wurde der Graf vor den Augen seiner entsetzten Gemahlin am Fuße der Feste erschlagen. Voll Grauen über das Geschehen, in dem Drange, zu ihm eilen, ihm helfen zu wollen, beugte sie sich weit über die Zinnen der Mauer und stürzte in den Graben hinab. Vergebens suchte man überall nach ihr.
Drei Tage bahrte man den Leichnam des Ritters in der Burgkapelle auf.  Um Mitternacht erblickten seine  Wache haltenden Knappen, am Kopfende des Sarges die verschwundene Gräfin.  Sie begaben sich vor die Kapelle, um die hohe Frau nicht zu stören.
Am Morgen war die Gräfin noch immer nicht hinaus gekommen. Als sie die Kapelle betraten, war sie leer.
Drei Nächte lang wiederholte sich dies. Man sah sie kommen, aber keiner sie gehen. Auch nach der Beisetzung in der Tonndorfer Kirche blieb sie verschwunden. Am Jahrestage des Mordes, als drei Sühnekreuze am Ort der Untat gesetzt wurden, sah man sie nachts dort sitzen. Sie soll dorthin alljährlich vom Schlosse aus hinabschweben, nachdem sie durch alle Zimmer gegangen ist. Weithin ist der Schein ihres Lichtes zu sehen. Wer bei den Kreuzen die weiße Frau sitzen sieht, wird in dem Jahre sterben, so die Geschichte.
Steinkreuze
(ursprünglich sollen hier drei Kreuze gestanden haben)
Warum erzähle ich euch so eine schaurig schöne Geschichte? Ganz in eurer Nähe stoßt ihr auf ähnliche spannende Überlieferungen. Schaut mal auf die Seite: http://www.suehnekreuz.de/!
Jetzt wo es auf der Trasse nicht mehr so gemütlich ist und ein Tee am Kamin den Vorzug genießt, könntet ihr ja vorher noch einen Spaziergang planen. Es ist sogar möglich Kindern eine Smartphone-Pause  schmackhaft zu machen (Wir waren da schon erfolgreich).

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur & Veranstaltungen, Kunst

Drei mal Gundermann


…Es ist einer der differenziertesten, besten Filme über die DDR: Aus dem aufregend widersprüchlichen Leben des Liedermachers Gerhard Gundermann hat Andreas Dresen ein faszinierendes Porträt geschaffen – unser Film der Woche…. (Spiegel)
Dieser Meinung waren Heidi und ich ebenfalls nachdem wir das Kino verlassen hatten. Endlich mal nicht die ständig sich wiederholenden Klischees und Vorurteile.
Mir war Gundermann ja nicht ganz unbekannt aber über sein Leben und seine Musik wusste ich nur sehr wenig. Im Film wurde sein künstlerisches Schaffen durch das Einfügen zahlreicher Lieder und Balladen gewürdigt und dem Publikum näher gebracht. So nahe, dass Heid gleich die CD zum Film erstand.
Und aller guten Dinge sind drei!
Am 3. Oktober gab es ein Konzert mit der “Randgruppencombo”. Zehn Musiker (bei uns nur neun), vierzig Instrumente, drei Stunden Gundermann. Mittlerweile hat wohl fast die Hälfte des begeisterten Publikums selbst nie Gerhard Gundermann live erlebt. Er starb bereits 1998 viel zu jung mit 43 Jahren.
bty
Die Randgruppencombo ist ein Projekt des Landestheaters Tübingen, welches aus einer Idee des Autors, Musikers, Intendanten und Regisseurs Heiner Kondschak entstand. Er bekam eine Audiokassette übergeben, mit der Aufforderung hör dir das mal an. Gundermann, dachte er, wer ist denn das? Bei einer Autofahrt war Gelegenheit zur Beantwortung dieser Frage. Im Ergebnis besorgte  er sich danach alle CD, Bücher und Videos und stellte mit Schauspielern und Theaterleuten- von der Sekretärin bis zum Verwaltungsdirektor- eine Combo zusammen.
Premiere war der 3.Oktober 2000. Es folgten Konzertabende mit weit über 100 Aufführungen.
Wir erlebten ein tolles Konzert. Falls ihr euch jemals die Frage stellen solltet: Gibt es ein Leben nach dem Tod?  Gerhard „Gundi“ Gundermann, der singende Baggerführer beweist es.
(Es gibt übrigens noch drei Konzerte der “Randgruppencombo “ am 27.12. und 28.12. in Berlin wie am 29.12. 2018 in Leipzig).

Gundermann „Linda“ Cover von Andreas Dresen und Alexander Scheer

 

Veröffentlicht in Fotos, Gesellschaft, Kultur & Veranstaltungen, Reisen

Lost Place


Lost Place ist ein Pseudoanglizismus und bedeutet in etwa “vergessener Ort”. Im englischen würde man sagen: “off the Map” (nicht auf der Karte) oder „abandoned premises“ (verlassene Räumlichkeiten). So habe ich es mal gegoogelt.
Wikipedia erklärt den Begriff so:…Meistens handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die entweder noch nicht historisch aufgearbeitet (bzw. erfasst) worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden und daher nicht als besonders erwähnenswert gelten…
Das trifft sicher teilweise zu, aber es gibt nicht wenige Objekte, die historisch durchaus bedeutsam sind, doch in dubiose Hände gelangten oder durch Entscheidungen gewählter Mandatsträger ein trauriges Dasein fristen. Fast immer ging es in derartigen Fällen, na um was? Es ging ums Geld.
Zum Beispiel: Weimar will Haus der Frau von Stein zurückkaufen oder Die Eigentümer von Schloss Reinhardsbrunn im Landkreis Gotha sind enteignet worden.
Mit diesen beiden Beispielen aus dem kleinen Thüringen will ich es auch belassen.
Die menschliche Neugier und die Möglichkeit mit den heutigen Mitteln beeindruckende Fotos bei geringem Aufwand zu machen, sorgen für eine wahre Flut solcher Bilder im Internet. Eine sehr umfangreiche Seite ist zum Beispiel “lost-places.com” (hier die Auswahl Deutschland).
Heidi und ich stoßen bei unseren Unternehmungen nicht selten auf solche Orte. Oft  gibt es mit Einheimischen interessante Gespräche zu Spekulanten, Vandalismus, Bränden und historischen Details. Natürlich reizt es mich dann auch einige Bilder zu machen.
Tag des Denkmals 2018 (29)
Tag des Denkmals 2018 (26)
Tag des Denkmals 2018 (22)Diese Fotos entstanden vergangenen Sonntag am Tag des offenen Denkmals. Im Jahre 2002 beschloss die Stadt Erfurt, das Schauspielhaus nach Eröffnung eines Neubaus für die Oper,  zu schließen und die Schauspieler zu entlassen. Damit verlor die Stadt nicht nur dieses schöne Theater sondern auch die Sparte Schauspiel. Zum Glück gibt es die nichtgewählten aber engagierten Bürger. So gründete sich der Verein “KulturQuartier Erfurt e.V.”
München (13)
München (21)
München (48)
Hier hielt der Bus für Besucher und Patienten des Tuberkulosekrankenhauses „Sophienheilstätte” in München (Bad Berka). 1898 wurde sie ihrer Bestimmung übergeben. Sie erhielt ihren Namen nach der verstorbenen Großherzogin.
1992 wird die „Heilstätte 1“ geschlossen. Seitdem sucht man vergeblich nach einem Käufer für das rund 223.500 m² große Grundstück. Alleine die Nutzfläche der Hauptgebäude ist 10.375 m² groß und beinhaltet auch diverse Nebengebäude.
Die “ Median Kliniken”,  welche  seit 1994 in  Bad Berka ansässig sind, waren offensichtlich für das historisch bedeutsame Krankenhaus nicht zu begeistern, siehe: (ein spannendes Stück Medizingeschichte).
Tag des Denkmals 2018 (16)
Auch dieses Pferd macht sich Gedanken, wie lange es hier noch geduldet und mit Futter versorgt wird. (Ich habe mit ihm gesprochen!)
Immer mehr solcher Höfe sehen wir, wenn wir über die hiesigen Dörfer fahren. Diese Orte sind ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Sie sind nur noch Schlaf- und Wohnstätten. Übersieht man solche Bilder, könnte romantische Schwärmerei die Folge sein.
Schaut euch um, ihr werdet staunen wie viele ähnliche Bilder ihr in eurer näheren Umgebung findet.

Veröffentlicht in Art, Fotos, Gesellschaft, Kunst, Natur, Photo

Plinz


Würdet ihr gebeten auf einer Karte New York  oder Paris anzuzeigen, wäre das sicher keine große Mühe.
Bei dem Ort Plinz versagt ihr vermutlich, bis auf meinen Freund Jochen, der uns diesen Tipp gab. Da er schon mehrfach nachfragte, ob wir denn schon dort waren und ich bisher verneinte, sahen wir uns in Zugzwang. Also machte ich mich mit Heidi vergangenen Sonntag auf den Weg. Laut Navi war es auch ganz einfach. Doch dann war die Straße ab Milda gesperrt. Das Navi verordnete nach Streckenneuberechnung 10 km zusätzlich um dann am gleichen Schild “Bauarbeiten Ortsdurchfahrt gesperrt” uns zu neuen Überlegungen zu veranlassen.
Wir hatten eine ältere Wanderkarte und mit deren Hilfe gelangten wir zu dem kleinen Örtchen  Rodias. Hier fragten wir einen Herrn, der den Sonntag zur Renovierung seines Hauses missbrauchte. Er war äußerst freundlich und begleitete uns gleich zum Dorfplatz, wo wir das Auto abgestellt hatten. Letztlich überzeugte er uns den Weg nicht zu Fuß zurückzulegen, sondern mit dem Auto über Zimmritz, Kleinkröbitz und Großkröbitz zu fahren. Von dort führte dann der empfohlene aber gesperrte jedoch asphaltierte Wirtschaftsweg nach Plinz.
Plinz-Juergen-Bach (101)
Hier seht ihr das Ortseingangsschild von Plinz! Das ist ja nun schon mal nicht ganz alltäglich. Dann trafen wir Herrn Jochen Bach, welcher entspannt vor seiner Galerie saß und das schöne Wetter, wie die Ruhe zu genießen schien. Nach einem netten Gespräch stellte sich heraus, dass der Ort von zwei Ureinwohnern und vier nicht ganz erwartungsgemäß tickenden Mitmenschen bewohnt wird. Entsprechend haben wir sieben Häuser gezählt. Herr Bach lud uns ein alles anzuschauen, was wir auch staunend und voller Bewunderung taten.
Plinz-Juergen-Bach (22a)
Am Eingang befindet sich ein sehr sinnvoller Aushang, auf welchen Herr Bach gleich mal vorweg die meist gestellten Fragen beantwortet. (FAQ)
Zur besseren Lesbarkeit auf allen Geräten.
– Sie befinden sich hier nicht am A….noch am Ende der Welt, sondern mitten in Deutschland.
– Früher war Plinz mal eine Mühle. Früher wurde Getreide gemahlen, heute Bilder.
– Wir wohnen auch hier, sogar im Winter und das schon seit 1972.
– Wir fühlen uns gar nicht einsam. Es ist hier auch nicht langweilig, weil wir immer etwas zu tun haben.
– Ich habe das alles selbst gemalt, was Sie hier sehen. Auch die Plastiken sind selbst gebastelt.
– Um ein Bild zu malen, braucht man ungefähr eine Woche Zeit. Um es zu verkaufen mitunter Jahre.
– Wir haben keinen Laden in der Stadt, sondern nur hier die Galerie. Wir leben ausschließlich von dem was wir hier verkaufen.
– Die Preise der Bilder verstehen sich incl. 7% Mehrwertsteuer, den Materialkosten (wie Leinwand, Keilrahmen, Malgrund, Malfarben, Pinsel, Malmittel, Firnis und Bilderrahmen), den Energiekosten, aller Versicherungskosten, den Heizkosten, Beschaffungskosten, Werbekosten, Fahrkosten uvm.
– All das, was Sie hier an Bildern und  Plastiken einschließlich der Galerie und des Garten sehen, ist erst in letzter Zeit entstanden.
– Das Sie heute das erste Mal hier sind, bedeutet nicht, dass auch die Anderen uns bislang noch nicht gefunden hätten.
– Wir kennen den Zustand der Straße!!!! Die Straße ist für dieses normale Auto sehr gut befahrbar, unser Auto ist so gut wie nie kaputt. Wenn man langsam fährt, kann man sich sogar noch an der schönen Landschaft erfreuen. Wir sind jedem dankbar, der sich nicht bei uns über den Zufahrtsweg beklagt.
– Selbstverständlich dürfen Sie Werbung für uns machen und Leute, die ein Bild brauchen zu uns schicken.
Weitere Fragen:
leichte Antworten 3€
Antworten bei denen man denken muss 7€
ehrliche Antworten 12€
Und weil es immer wieder vorkommt:
Antworten auf unnötige Fragen 20€

Alles wesentliche ist gesagt. Ich lade euch zu einen kleinen Rundgang ins Reich des  surrealistischen, des ironischen, des etwas schrillen aber immer sympathischen, kurz in die Welt des Jochen Bach aus Plinz ein. Bitte hier entlang ===> Klick aufs Bild funktionier auch!
Plinz-Juergen-Bach (71)