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Drei mal Gundermann


…Es ist einer der differenziertesten, besten Filme über die DDR: Aus dem aufregend widersprüchlichen Leben des Liedermachers Gerhard Gundermann hat Andreas Dresen ein faszinierendes Porträt geschaffen – unser Film der Woche…. (Spiegel)
Dieser Meinung waren Heidi und ich ebenfalls nachdem wir das Kino verlassen hatten. Endlich mal nicht die ständig sich wiederholenden Klischees und Vorurteile.
Mir war Gundermann ja nicht ganz unbekannt aber über sein Leben und seine Musik wusste ich nur sehr wenig. Im Film wurde sein künstlerisches Schaffen durch das Einfügen zahlreicher Lieder und Balladen gewürdigt und dem Publikum näher gebracht. So nahe, dass Heid gleich die CD zum Film erstand.
Und aller guten Dinge sind drei!
Am 3. Oktober gab es ein Konzert mit der “Randgruppencombo”. Zehn Musiker (bei uns nur neun), vierzig Instrumente, drei Stunden Gundermann. Mittlerweile hat wohl fast die Hälfte des begeisterten Publikums selbst nie Gerhard Gundermann live erlebt. Er starb bereits 1998 viel zu jung mit 43 Jahren.
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Die Randgruppencombo ist ein Projekt des Landestheaters Tübingen, welches aus einer Idee des Autors, Musikers, Intendanten und Regisseurs Heiner Kondschak entstand. Er bekam eine Audiokassette übergeben, mit der Aufforderung hör dir das mal an. Gundermann, dachte er, wer ist denn das? Bei einer Autofahrt war Gelegenheit zur Beantwortung dieser Frage. Im Ergebnis besorgte  er sich danach alle CD, Bücher und Videos und stellte mit Schauspielern und Theaterleuten- von der Sekretärin bis zum Verwaltungsdirektor- eine Combo zusammen.
Premiere war der 3.Oktober 2000. Es folgten Konzertabende mit weit über 100 Aufführungen.
Wir erlebten ein tolles Konzert. Falls ihr euch jemals die Frage stellen solltet: Gibt es ein Leben nach dem Tod?  Gerhard „Gundi“ Gundermann, der singende Baggerführer beweist es.
(Es gibt übrigens noch drei Konzerte der “Randgruppencombo “ am 27.12. und 28.12. in Berlin wie am 29.12. 2018 in Leipzig).

Gundermann „Linda“ Cover von Andreas Dresen und Alexander Scheer

 

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Muss man es wirklich unbedingt gesehen haben?


Wir weilten letzte Woche im Allgäu. Diesmal hatten wir einen Ausflug zum meistbesuchten deutschen Schloss fest eingeplant. Da wir es möglichst bequem haben wollten, nutzten wir den Service des Reisebüros “Brutscher” aus Oberstdorf. So brauchten wir uns weder um Parkplatz noch Eintrittskarten kümmern und wurden durch unseren netten Busfahrer über manches wissenswerte, was auf unserer Route lag, informiert.
Oberstdorf 2018 (189)
Schloss Neuschwanstein wird jährlich von 1,5 Millionen Menschen aus aller Welt und in letzter Zeit besonders durch chinesische Touristen besucht.
Das Bauwerk ist, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, ein inspirierender Blickfang.
Die Eintrittskarte schlägt mit 13€ zu Buche und beinhaltet grundsätzlich eine Führung. Wer sich eine Karte besorgen muss, verbringt einige Zeit in einer beeindruckenden Warteschlange. Es kann auch passieren, dass für einen Tag alle Karten ausverkauft sind. Sicherheitshalber also lieber über das Internet reservieren. (Leider ein etwas vorsintflutliches Verfahren!)
Oberstdorf 2018 (139)
Bis zu unserer Besichtigungstour hatten wir noch zwei Stunden Zeit. So blieb uns die Möglichkeit für eine Rast am Alpsee und in 30 Minuten erreichten wir auch die Marienbrücke.
Die Marienbrücke  in der Gemeinde Schwangau bei Füssen ist eine filigrane Stahlkonstruktion über die Pöllatschlucht unmittelbar hinter und direkt sichtbar vom Schloss Neuschwanstein. Der Blick in den Abgrund sowie auf das Schloss ist faszinierend.

Nun zur eingangs gestellten Frage: Landschaftlich ist es eine wunderschöne Gegend, wie eigentlich alle Gegenden, in denen unsere Eliten ihre Prunkbauten errichten ließen.  Auf Distanz gesehen, wirkt Neuschwanstein, wie oft zu lesen, als bezauberndes Märchenschloss. Bei näherem Hinschauen wird aber schnell klar, es handelt sich um die Spielwiese von Baumeistern, Handwerkern und eines exzentrischen Monarchen. Amerikaner glauben angeblich häufig, die Bayern hätten hier Walt Disney kopiert (Das Cinderella Schloss von W.Disney).
…Die Bauprojekte Ludwigs wurden aus dem königlichen Privatvermögen finanziert… so Wikipedia. Das wäre aber nochmal ein extra Beitrag. Zwinkerndes Smiley
Die Führung kann ich nicht unbedingt empfehlen. Es ist eine Massendurchschleusung durch einige Räumlichkeiten. Die Polstermöbel sind mit weißen Tüchern abgedeckt. Eine Sicht auf Details ist kaum möglich und Fragen sind auch schwer anzubringen. Nach etwa 30 Minuten  ist man durch. Das erfolgt über 6000 mal am Tag.

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Lost Place


Lost Place ist ein Pseudoanglizismus und bedeutet in etwa “vergessener Ort”. Im englischen würde man sagen: “off the Map” (nicht auf der Karte) oder „abandoned premises“ (verlassene Räumlichkeiten). So habe ich es mal gegoogelt.
Wikipedia erklärt den Begriff so:…Meistens handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die entweder noch nicht historisch aufgearbeitet (bzw. erfasst) worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden und daher nicht als besonders erwähnenswert gelten…
Das trifft sicher teilweise zu, aber es gibt nicht wenige Objekte, die historisch durchaus bedeutsam sind, doch in dubiose Hände gelangten oder durch Entscheidungen gewählter Mandatsträger ein trauriges Dasein fristen. Fast immer ging es in derartigen Fällen, na um was? Es ging ums Geld.
Zum Beispiel: Weimar will Haus der Frau von Stein zurückkaufen oder Die Eigentümer von Schloss Reinhardsbrunn im Landkreis Gotha sind enteignet worden.
Mit diesen beiden Beispielen aus dem kleinen Thüringen will ich es auch belassen.
Die menschliche Neugier und die Möglichkeit mit den heutigen Mitteln beeindruckende Fotos bei geringem Aufwand zu machen, sorgen für eine wahre Flut solcher Bilder im Internet. Eine sehr umfangreiche Seite ist zum Beispiel “lost-places.com” (hier die Auswahl Deutschland).
Heidi und ich stoßen bei unseren Unternehmungen nicht selten auf solche Orte. Oft  gibt es mit Einheimischen interessante Gespräche zu Spekulanten, Vandalismus, Bränden und historischen Details. Natürlich reizt es mich dann auch einige Bilder zu machen.
Tag des Denkmals 2018 (29)
Tag des Denkmals 2018 (26)
Tag des Denkmals 2018 (22)Diese Fotos entstanden vergangenen Sonntag am Tag des offenen Denkmals. Im Jahre 2002 beschloss die Stadt Erfurt, das Schauspielhaus nach Eröffnung eines Neubaus für die Oper,  zu schließen und die Schauspieler zu entlassen. Damit verlor die Stadt nicht nur dieses schöne Theater sondern auch die Sparte Schauspiel. Zum Glück gibt es die nichtgewählten aber engagierten Bürger. So gründete sich der Verein “KulturQuartier Erfurt e.V.”
München (13)
München (21)
München (48)
Hier hielt der Bus für Besucher und Patienten des Tuberkulosekrankenhauses „Sophienheilstätte” in München (Bad Berka). 1898 wurde sie ihrer Bestimmung übergeben. Sie erhielt ihren Namen nach der verstorbenen Großherzogin.
1992 wird die „Heilstätte 1“ geschlossen. Seitdem sucht man vergeblich nach einem Käufer für das rund 223.500 m² große Grundstück. Alleine die Nutzfläche der Hauptgebäude ist 10.375 m² groß und beinhaltet auch diverse Nebengebäude.
Die “ Median Kliniken”,  welche  seit 1994 in  Bad Berka ansässig sind, waren offensichtlich für das historisch bedeutsame Krankenhaus nicht zu begeistern, siehe: (ein spannendes Stück Medizingeschichte).
Tag des Denkmals 2018 (16)
Auch dieses Pferd macht sich Gedanken, wie lange es hier noch geduldet und mit Futter versorgt wird. (Ich habe mit ihm gesprochen!)
Immer mehr solcher Höfe sehen wir, wenn wir über die hiesigen Dörfer fahren. Diese Orte sind ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Sie sind nur noch Schlaf- und Wohnstätten. Übersieht man solche Bilder, könnte romantische Schwärmerei die Folge sein.
Schaut euch um, ihr werdet staunen wie viele ähnliche Bilder ihr in eurer näheren Umgebung findet.

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Es hört doch jeder nur, was er versteht.


Überschrift: (Zitat von Goethe)

Da wo ich zu Hause bin, findet fast wöchentlich ein Festival des Frohsinns und der Ausgelassenheit statt.
Diese Woche feierten wir “La Fête de la Musique”, eine Woche zuvor kamen etwa 150 000 Besucher zum “Krämerbrückenfest” und so geht das schon seit dem 1.Januar. Es ist hier nicht der Platz, um alle kleinen und größeren Volksbelustigungen zu erwähnen.
Nun hat die deutsche Mannschaft die nächste Runde bei der Fußball WM doch nicht erreicht! (Eigentlich hatte ich diese Passage hier der allgemeinen Euphorie folgend schon anders formuliert.) Irgendwie hat das ja auch etwas Gutes, gewinne ich doch dadurch etwas Zeit. Schon am Donnerstag, den 28. Juni, startet mit der “Danezare” ein internationales Folklorefestival.
Also, nun zum Fest rund um die “Krämerbrücke”. Selbige wird jedes Jahr in ein Kunstprojekt einbezogen.
In Erfurt narrte Till Eulenspiegel, einst der Überlieferung nach, die Professoren der hiesigen Universität, indem er ihnen vorgaukelte, einem Esel das Lesen beigebracht zu haben. So treibt der Narr alljährlich am Wochenende vor Sommeranfang Unwesen mit der Bevölkerung und den Gästen der Stadt. Diesmal hat er nicht nur die Eröffnung des Festes vorgenommen.
Laut der  Erzählung aus dem 16. Jahrhundert spannte Till Eulenspiegel einst ein Seil über einen Fluss und kündigte allen Anwesenden an, ein Kunststück zu vollbringen. Er bat die Neugierigen um deren linken Schuh, band in der Folge alle zusammen, kletterte auf das Seil und schmiss alle im Bündel auf den Boden. Weil alle ihren Schuh wieder haben wollten, entstand ein einziges Gerangel. In Anlehnung an diese Geschichte hängte er in diesem Jahr, neben 20 Zitaten berühmter Größen der Geschichte, auch  eine Menge von Schuhen über die Brücke.
Zum Abschluss des Festes konnte erlebt werden, wie Till Eulenspiegel die auf der Krämerbrücke aufgehängten Schuhe  wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Einige Schuhe gehörten einst prominenten Zeitgenossen, manche enthielten kleine Überraschungen.
Damit ihr einen kleine Eindruck habt, folgen einige Bilder, die ich für Smartphone-Nutzer zusätzlich beschriftet habe.
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Madonna: Den Verlust meiner Jungfräulichkeit habe ich als Schritt auf der Karriereleiter angesehen.Erfurt KB (10)
Woody Allen: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird.Erfurt KB (12)
Udo Lindenberg: Jeder lügt so gut er kann!
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Marilyn Monroe: Wer morgens betet, hat den Rest des Tages Zeit für Spaß und Sauereien.
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Donald Trump: Das Schöne an mir ist, dass ich sehr reich bin!
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Martin Luther: Kein Irrtum ist so groß, der nicht seine Zuhörer hat.

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Da hatten wir wohl die richtige Entscheidung getroffen!


Sonnabends gehen wir fast immer zum Markt auf dem Domplatz. Dabei geht es nicht vorrangig um die Lösung von Versorgungsfragen, es ist so ein kleiner Ausflug in die Geschichte des Handels; Erwerb von Dingen für Küche und Haushalt ohne Account bei Amazon, bezahlbar sofort mit Geld aus dem Portmonee.
Dabei führt uns unser Spaziergang immer an drei Kleinkunstbühnen vorbei und das sind beileibe nicht alle hier in der Stadt. Die erste Adresse, die wir passieren, ist das oder die “Mehlhose” in der Löberstraße 12. Es stehen nur noch wenige der ehemaligen alten Häuser dieser Straße und besagtes dient also nun kleineren Veranstaltungen für ein buntes Publikum. Die hier auftretenden Künstler haben noch nie eine Einladung zu einer der zahlreichen Talkshows der ARD  gehabt. Entweder wird man durch Mundpropaganda zum Erwerb einer Eintrittskarte animiert oder ein Blick auf das Programm macht einen neugierig.
“Lesen für Bier” stand auf dem Programm! Das wollten wir nun endlich einmal genau wissen. Heidi besorgte Karten und ließ sich vorher den Programmablauf erklären.
Die Lesen-für-Bier-Regeln sind einfach: Friedrich Herrmann und sein Gast Flemming Witt lesen, was auch immer mitgebracht wird. Ob alte Liebesbriefe, die Menükarte eures Lieblingsdöners oder Sartre – eben Texte aller Art.
Nach jedem Vortrag entscheidet der Applaus, ob der Text oder die Performance besser war. Hat die Performance überzeugt, geht das Bier an die Lesenden auf der Bühne. War der Text besser, erhält der Besucher das Bier, der den Text zur Verfügung gestellt hat.
Das kann schon recht lustig werden! So wurde uns die Einleitung zur Gebrauchsanweisung der Nähmaschine “VERITAS” aus dem Jahr 1967 verständlich und ohne Anglizismen zu Gehör gebracht. Ein durch männliche Demonstration unterstützter Vortrag , “Anleitung zur selbständigen Brustuntersuchung der Frau”, fand auch bei den Herren viel Beachtung und entsprechenden Applaus.
Eine Kindergärtnerin hatte einen eigenen Text aus ihrem Berufsalltag verfasst.
Jeder konnte auch Wünsche zur Art der Präsentation des Textes äußern und die Protagonisten bemühten sich um entsprechende Umsetzung.
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Als ich unseren Text überreichte, bat ich Flemming Witt dem Ganzen eine Hörsaalatmosphäre zu verpassen und den wissenschaftlichen Anspruch der Thesen zu unterstreichen.
“Zur soziologischen Psychologie der Löcher” ist eine Satire aus dem Jahre 1931 von Kurt Tucholsky. Der Vortrag war gut und mit Enthusiasmus wie Überzeugungskraft vorgetragen. Doch das vorwiegend recht junge Publikum wählte den Text! So kam ich zu einem Bier und Tucholsky zu Ehren. Die Jungs auf der Bühne mussten aber nicht verdursten, es gab noch genügend Texte, wo die Performance den Text übertraf.
Letztlich folgte nach etwa zweieinhalb Stunden eine Endauswertung über den besten Text.
Gewinner war Tucholsky mit seiner tiefsinnigen Auseinandersetzung über das Loch und dessen Plural die Löcher!
So bin ich auch noch in den Besitz eines Gutscheins von 20€, einzulösen im “FRANZ MEHLHOSE”, gelangt.
Sehr verehrter Kurt Tucholsky,
irgendwie ist mir die Sache etwas peinlich. Es ist ja eigentlich nicht mein Verdienst. Nun- ich mache jetzt erst einmal Ferien. Falls Sie meinen Text hier lesen, den Gutschein würde ich Ihnen gerne überlassen. MfG Ihr S.W.
(Das Video ist leider nicht sehr gut aber der Vortrag, damit ihr wisst  über was ich hier überhaupt geschrieben habe)